Die Enshittification-Falle: Warum ich zu Stift und Papier zurückkehre
Seit 2011 beobachte ich einen beunruhigenden Trend: Software wird systematisch schlechter. Nicht technisch minderwertiger – im Gegenteil, die Features stapeln sich immer höher. Aber funktional, im echten Arbeitsleben, wird sie zunehmend zur Belastung statt zur Hilfe.
Von der Produktivitäts-Hölle zurück zur Einfachheit
Vor fünf Jahren war ich überzeugt: Hochspezialisierte Projektmanagement-Systeme sind die Zukunft. Ich investierte Hunderte Stunden in die perfekte Tool-Landschaft. Detaillierte Workflows, automatisierte Berichte, granulare Zeiterfassung. Auf dem Papier war alles perfekt strukturiert.
Die Realität? Ich verbrachte mehr Zeit mit dem Pflegen des Systems als mit echter Arbeit. Jedes Update brachte neue Features, die niemand brauchte. Jede neue Integration erhöhte die Komplexität. Und wenn mal etwas nicht funktionierte – was zunehmend häufiger vorkam – stand die gesamte Arbeit still.
Heute arbeite ich mit Things3, Apple Notes und einem analogen Moleskine Pro Business & Project Planner. Drei simple Tools statt dreißig komplexer Systeme. Und ich bin produktiver als je zuvor.
Die Enshittification-Spirale: Ein Wirtschaftssystem-Problem
Der Begriff "Enshittification" beschreibt den Prozess perfekt: Zuerst sind die Tools gut für die Nutzer. Dann gut für die Business-Partner. Schließlich nur noch gut für die Aktionäre. Microsoft Windows ist das Paradebeispiel – von einem Betriebssystem, das funktionierte, zu einer Werbeplattform mit OS-Funktionalität.
Business-Software folgt einem ähnlichen Muster:
- Phase 1: Lean, fokussiert, löst ein Problem brilliant
- Phase 2: Features werden hinzugefügt, Komplexität steigt
- Phase 3: Subscriptions werden eingeführt, Lock-in-Effekte entstehen
- Phase 4: Features verschwinden hinter Paywalls, Werbung erscheint
- Phase 5: Das Tool wird zur Belastung, aber die Migration ist zu schmerzhaft
Die versteckten Kosten der Digitalisierung
Digitalisierung sollte Arbeit abnehmen. Stattdessen erzeugt sie neue Arbeit:
Maintenance-Overhead: Updates einspielen, Features lernen, Bugs umschiffen. Früher investierte ich 2-3 Stunden pro Woche nur in Tool-Wartung. Heute? Null Stunden. Things3 funktioniert einfach. Apple Notes ist seit Jahren stabil. Mein Moleskine braucht keine Updates.
Kontext-Switching: Zwischen fünf verschiedenen Tools hin- und herzuspringen kostet Fokus. Jedes Tool hat seine eigene Logik, eigene Shortcuts, eigene Macken. Das Gehirn braucht Sekunden bis Minuten für jeden Wechsel.
Vendor Lock-in: Je tiefer du in einem komplexen System steckst, desto schwieriger wird der Ausstieg. Proprietäre Formate, komplexe Export-Funktionen, fehlende Kompatibilität. Du bist gefangen, selbst wenn das Tool dich behindert statt unterstützt.
Meine Rückkehr zur Einfachheit
Der Wendepunkt kam, als ich in einer stressigen Projektphase mein komplexes System nicht verfügbar hatte. Ich griff zu Papier und Stift. Und stellte fest: Ich war schneller. Fokussierter. Klarer im Kopf.
Heute sieht mein Workflow so aus:
- Things3: Für zeitkritische Aufgaben und GTD
- Apple Notes: Für schnelle Gedanken und Projektnotizen
- Moleskine: Für strategisches Denken und Wochenplanung
Drei Tools. Drei klare Verantwortlichkeiten. Keine Überschneidungen. Keine Synchronisations-Probleme. Keine Feature-Bloat. Und vor allem: Keine Ablenkung durch "Optimierung der Optimierung".
Die Lehre: Weniger ist mehr Handlungsfreiheit
Die große Illusion der Software-Industrie: Mehr Features bedeuten mehr Produktivität. Die Wahrheit ist umgekehrt. Jedes Feature ist eine Entscheidung mehr. Jede Entscheidung kostet mentale Energie. Jede gesparte Entscheidung ist Energie für echte Arbeit.
Meine Regel heute: Ein Tool muss 80% besser sein als die einfachere Alternative, um den Komplexitäts-Overhead zu rechtfertigen. Die meisten Tools schaffen nicht mal 20%.
Für meine Kunden bedeutet das: Ich helfe nicht bei der Einführung des neuesten komplexen Marketing-Automation-Monsters. Ich konzipiere Lösungen, die auch in zehn Jahren noch funktionieren. Ohne Subscription-Modell. Ohne erzwungene Updates. Ohne Enshittification-Spirale.
Die digitale Transformation sollte uns freier machen. Nicht abhängiger von Systemen, die uns nicht dienen, sondern ausnutzen.